Das Bollenhuthaus

Talhubenfest Unterreichenbach — Flößertradition an der Nagold

Das Talhubenfest in Unterreichenbach: alle drei Jahre Brauchtumsfest mit Schaufahrten auf dem Originalfloß, Fackelfahrt und Feuerwerk an der Flutmulde — Tagesausflug von Schellbronn.

Im Nagoldtal, nur etwa zehn Minuten mit dem Auto von Schellbronn entfernt, findet alle drei Jahre eines der seltensten Brauchtumsfeste der Region statt: das Talhubenfest in Unterreichenbach. Während andere Flößerfeste im Enz-Nagold-Gebiet im zweijährigen Rhythmus stattfinden, kommen hier nur in jedem dritten September die Talhubenflößer mit ihrem über hundert Meter langen Originalfloß zusammen — ein Wochenende, das an über sechs Jahrhunderte Holzschifffahrt im Nordschwarzwald erinnert. Wer im Ferienpark Schellbronn oder in der Umgebung urlaubt und Termin und Wetter mitnimmt, erlebt echtes Handwerk auf dem Wasser statt Folklore von der Stange.

Flößermuseum Unterreichenbach© Schwarzwälder Bote

Der Name verrät den Ort: Eine Talhuben ist ein Talbecken, in dem die Flößer ihre Stämme zu Gestören und Flößen zusammenbanden — eine Einbindestätte am Fluss. In Unterreichenbach lag diese Stelle an der Flutmulde der Nagold, wo angestautes Wasser genügend Tiefe bot, um die schweren Holzgestöre zu Wasser zu lassen. Noch heute ist die Mulde das Herzstück des Festes: Von der Nagoldbrücke aus sieht man die Schaufahrten, am Kurt-Fischer-Weg und auf dem Schulhof pulsiert das Rahmenprogramm. Das Flößermuseum in der nahen Tannbergschule (Calwer Straße 56) und ein Flößerdenkmal am Ortseingang erinnern dauerhaft an dieselbe Geschichte — das Fest bringt sie für zwei Tage lebendig auf den Fluss zurück.

Die Flößerei prägte Unterreichenbach über Jahrhunderte wirtschaftlich. Der holzreiche Nordschwarzwald lieferte Tannen, Fichten und andere Baumarten; die Stämme wurden in den Bergen gefällt und über sogenannte Riesen — steil abfallende Holzbahnen oder Rutschen — ins Tal gebracht. In Wasserstuben und Floßstuben am Bach wurden sie vierkant behauen, zu Gestören gebunden und mit Wieden fest verknüpft: biegsame „Holzseile“ aus jungen Tannen- oder Fichtenstämmchen, die zuvor im Wasser eingeweicht und in Bähöfen erhitzt worden waren. Durch in die Stammenden gebohrte Floßaugen — charakteristische dreieckig vorgekerbte Löcher — zog man die Wieden und hielt damit Dutzende Stämme zusammen. So entstanden Flöße, die auf der Nagold, weiter auf Enz und Neckar und schließlich über Rhein bis in die Niederlande schwimmen konnten — Bauholz für Städte, Werften und den Handel.

Auf der Nagold wirkten in regelmäßigen Abständen Staustufen und Wehranlagen: Alle wenige Kilometer stauten Stellfälle das Wasser, sodass die Flößer von einem Schwall in den nächsten „fuhren“. An größeren Talhuben wurden die Flöße geteilt, verkauft oder zu größeren Einheiten neu gebunden. Floßknechte steuerten mit langen Staken; die Schiffer — oft Unternehmer und Holzhändler — trugen das wirtschaftliche Risiko. Für Unterreichenbach bedeutete das Arbeit, Handel und Ortsgeschichte — dokumentiert heute im Flößermuseum mit Modellen, Werkzeugen, Bildern und einem detailgetreuen Modell des alten Bahnhofs, das den Umbruch vom Wasserweg zur Schiene zeigt.

Dieser Umbruch endete die gewerbliche Flößerei schleichend: Mit dem Bau der Nagoldtalbahn von Calw nach Pforzheim und dem Ausbau der Staatsstraße verlagerte sich der Holztransport auf Schiene und Straße. Im Jahr 1911 fuhr das letzte Floß die Nagold hinunter — ein Handwerk, das einst ganze Regionen ernährte, verschwand aus dem Alltag. Was blieb, waren Erinnerung, Werkzeuge und Nachfahren der Flößerfamilien. Erst Jahrzehnte später wagte die Gemeinde den Schritt, diese Vergangenheit wieder öffentlich zu feiern.

Das Talhubenfest gibt es seit 1978 — entstanden aus der Idee des damaligen Bürgermeisters Hartmut Kuhlmann bei einer Vereinsbesprechung im Rathaus. Ziel war von Anfang an, an die mehr als sechshundertjährige Flößertradition des Ortes zu erinnern und sie für junge Generationen erlebbar zu machen. Seitdem findet das zweitägige Fest im dreijährigen Rhythmus statt, meist an einem Septemberwochenende — oft noch in den letzten Ferienwochen, wenn Familien Zeit für einen Ausflug haben. Der Förderverein für Unterreichenbach unterstützt das Fest seit jeher mit; er pflegt zugleich Ortsgeschichte, das Flößermuseum und Projekte wie den Flößerweg entlang der Nagold.

Zwei Jahre nach dem ersten Fest gründeten Nachfahren alter Unterreichenbacher Flößerfamilien den Verein Talhuben-Flößer Unterreichenbach — seit 1980 fahren sie mit eigenem Floß auf der Nagold und halten das Handwerk durch Schaufahrten am Leben. Ihr Originalfloß ist über hundert Meter lang; die Talhubenflößer steuern es mit Staken und Wissen, das in Familien und Vereinsarbeit weitergegeben wird. Neben dem Talhubenfest wirken sie auch beim Flößerfest in Neuenbürg mit, das alle zwei Jahre am letzten Juli-Wochenende an der Enz stattfindet — dort fahren sie mit einem kürzeren Floß die Enz hinunter. Die europäische Flößerei steht seit 2022 auf der Repräsentativen Liste des immateriellen Kulturerbes der UNESCO; Vereine wie die Talhubenflößer tragen in der Region dazu bei, dass diese Tradition nicht nur in Museen, sondern auf dem Wasser weiterlebt.

Das Festgelände liegt am Schulhof am Kurt-Fischer-Weg — nicht am Museumseingang in der Calwer Straße, aber fußläufig in der Nähe. Vom Schulhof und der angrenzenden Schulwiese blickt man zur Flutmulde; die Nagold fließt unter der Kreisstraßenbrücke vorbei, wo Zuschauer die Anfahrt der Flößer oft am besten sehen. Für Schaufahrten und die spektakuläre Abschlussfahrt durch die Wehranlage nutzen die Flößer genau diese Strecke: Die Wehranlage ist das Fahrloch, durch das das Wasser unter Druck strömt — eine enge, laute Passage, die früher den Transport regulierte und heute den festlichen Höhepunkt bildet. Am Ortseingang von Dennjächt her erinnert ein Schaufloß-Denkmal an die Tradition; ein Holzanhänger der Talhubenflößer und der Flößerweg an der Nagold runden das Bild ab.

Der Samstag beginnt traditionell am frühen Nachmittag: Gegen 14:30 Uhr treffen die Flößer am Kurt-Fischer-Weg ein — Ankunft auf dem Wasser oder am Ufer, je nach Programm. Anschließend folgt auf dem Schulhof der Fassanstich als festlicher Auftakt. Dann startet das Rahmenprogramm: Kinderaktionen auf der Schulwiese, unter anderem Hüpfburg und später am Sonntag eine Seifenblasenwerkstatt; erste Floßfahrten für kleine Gäste; Stände der örtlichen Vereine mit Bewirtung und Information. Nachmittags und am frühen Abend unternimmt das große Originalfloß Schaufahrten auf der Nagold — vom Ufer aus gut zu verfolgen, von der Brücke aus eindrucksvoll.

Am Samstagabend steigt die Stimmung: Live-Musik auf dem Festplatz — die Besetzung wechselt von Fest zu Fest, typisch sind unplugged-Acts und Rock-Bands aus der Region. Gegen Abend fahren die Flößer erneut auf der Nagold; der Höhepunkt des ersten Tages ist die Nacht- und Fackelfahrt mit dem großen Floß, oft gegen 22:30 Uhr, gefolgt von einem Feuerwerk über dem Tal. Fackellicht auf dem Wasser, Trommeln und der Glanz der Flößer in traditioneller Kleidung — das ist der Moment, der viele Besucher Jahr für Jahr (bzw. alle drei Jahre) wiederkommen lässt. Warm anziehen: Am Nagoldufer wird es nach Sonnenuntergang kühl, auch im September.

Der Sonntag beginnt ruhiger: Um 10 Uhr findet im Festzelt des Musikvereins Unterreichenbach vor der Schule ein ökumenischer Gottesdienst statt — Brauchtum und Gemeindeleben greifen ineinander. Ab 11 Uhr läuft der Festbetrieb weiter: Büchereiflohmarkt, oft ein Tag der offenen Tür bei der Tagespflege des Roten Kreuzes, kulinarische Stände von Feuerwehr, Gesangverein, 1. FC Unterreichenbach, Tischtennis-Gemeinschaft Unterreichenbach-Dennjächt und weiteren Vereinen. Wer mag, kombiniert den Vormittag mit einer ersten Museumsführung.

Am Sonntagnachmittag wiederholen sich die Schaufahrten — ab etwa 14:30 Uhr ist das große Floß erneut auf der Nagold unterwegs. Kinder dürfen sich auf verkleinerte Kinderfloßfahrten freuen; die Seifenblasenshow am Nachmittag sorgt auf der Wiese für Abwechslung. Der festliche Abschluss ist die Fahrt durch die Wehranlage, üblicherweise gegen 17:30 Uhr: Das Floß nimmt die Strömung der Wehranlage — laut, schnell und für Zuschauer am Ufer unvergesslich. Damit endet das Talhubenfest; wer noch Zeit hat, spaziert zum Flößerdenkmal oder den kurzen Weg entlang der Nagold.

Das Flößermuseum in der Tannbergschule ist außerhalb des Festes nur nach telefonischer Vereinbarung geöffnet (07235 9333-11) — am Talhubenfest-Wochenende aber mit Sonderführungen: am Samstag ab etwa 17 Uhr, am Sonntag gegen Mittag und am Nachmittag, jeweils rund 45 Minuten. Ausstellungsstücke erklären Floßmodelle, Flößerwerkzeuge, Holzfällergerät und historische Dokumente; die Heimatstube im Rathaus war von 1977 an Vorläufer des heutigen Museums, das seit 1999 im Schuluntergeschoss residiert. Wer das Fest und das Museum kombiniert, versteht den Ort doppelt: einmal als lebendiges Spektakel am Wasser, einmal als ruhige Zeitreise in der Ausstellung.

Praktisch: Parken ist am Schulhof am Kurt-Fischer-Weg vorgesehen — die Karte verlinkt den Platz direkt. Von Schellbronn und vom Ferienpark Schellbronn ist Unterreichenbach schnell erreichbar; wer ohne Auto anreist, plant Busverbindungen in der Region ein und prüft eventuelle Straßensperrungen am Festwochenende. Festes Schuhwerk, wetterfeste Kleidung und etwas Geduld an den Ständen lohnen sich; für Kinder sind Hüpfburg, Floßfahrten und Seifenblasenprogramm vorgesehen. Barrierefreiheit am Ufer ist begrenzt — Gelände am Nagoldufer ist teils uneben; vom Schulhof aus sind viele Programmpunkte gut zugänglich.

Als Tagesausflug lässt sich das Talhubenfest gut mit anderen Zielen im Enztal verbinden: Die Monbachschlucht ist von Unterreichenbach aus nicht weit — Wanderparkplatz Ochsenbrücke als Einstieg. In Neuenbürg liegen Schloss und Besucherbergwerk Grube Frischglück; der Westweg führt an Dillweißenstein und Neuenbürg vorbei. Wer alle zwei Jahre statt alle drei ein Flößerspektakel sucht, notiert sich das Flößerfest Neuenbürg am letzten Juli-Wochenende — dort fahren die Unterreichenbacher Talhubenflößer mit einem kürzeren Floß die Enz.

Den genauen Termin des nächsten Talhubenfestes gibt es nicht fest im Kalender eingetragen — alle drei Jahre, in der Regel an einem Samstag- und Sonntag-Wochenende im September. Aktuelle Daten und Programmhinweise stehen bei der Gemeinde Unterreichenbach und beim Verein Talhuben-Flößer; Veranstaltungsportale wie Stadtklar listen das Fest ebenfalls. Vor der Anreise lohnt ein kurzer Blick — Programmzeiten, Führungen und musikalische Beiträge können sich von Ausgabe zu Ausgabe leicht verschieben.